Familie Cramer seit 100 Jahren ansässig auf der Burg Edenserloog in Werdum

1927 Innenhof

Der 1. Mai ist ein wichtiges Datum in der Landwirtschaft: Das alte Wirtschaftsjahr endet am 30.04., das neue beginnt, alte Pachtverträge laufen aus, neue beginnen wieder und vieles mehr. Gerade in unserer landwirtschaftlich geprägten Region, aber auch darüber hinaus, schlug sich dies auch auf die allgemeinen gesellschaftlichen Ereignisse nieder: So endete ein Schuljahr in der Regel nicht zu den Sommerferien, sondern zu Ostern, so dass die Lehr- und Arbeitsverträge ebenfalls zum 01.05. starten konnten.

So trifft dies auch auf unsere Burg Edenserloog zu, auf der zu allen Zeiten u.a. Landwirtschaft betrieben wurde:

Am 1. Mai 1926, also vor genau 100 Jahren, nahm die Familie Cramer erstmals ihren Familienwohnsitz auf der Burg. Dies ist verwunderlich, denn -wie einige wissen- besitzt die Familie die Burg (und bis 1929 auch die Mühle) schon viel länger, und zwar genau gesagt seit dem Jahr 1760.

Dies war nämlich der Zeitpunkt, als die letzte auf der Burg geborene Erbin namens Catharina Elisabeth Wolken (1731-1760) jung verstorben ist und das Erbe dann an ihren 2 Jahre vorher geheirateten Ehemann, den Pastor reformierten Glaubens Anton Wilhelm Cramer (1720-1791), aus Accum (heute Stadt Schortens) in der damaligen Herrlichkeit Kniphausen (heute Stadt Wilhelmshaven) ging. Hier und in Jever war die Familie auch in den nächsten Jahrzehnten vorwiegend ansässig, das Gelände in Werdum wurde überwiegend an ansässige Landwirte verpachtet.

Dies wirft trotzdem Fragen auf, denn wir wissen alle, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtete Burg war davor Sitz von adeligen Häuptlingen, und beim Namen Wolken lässt sich so gar keine Verbindung zu den bisherigen adeligen Eigentümern herstellen.

Die Auflösung ist folgende: 

Catharina Elisabeth war keine leibliche, sondern nur eine Adoptivtochter der letzten adeligen Eigentümer der Burg Edenserloog. Dies waren Catharina Elisabetha Gisberta von Werdum (1695-1762) und Wilhelm Mordio von Bottlenberg (1669-1744), genannt von Kessel und einem alten Adelsgeschlecht im Solinger Raum (Hackhausen) entstammend (die Bildnisse der Adoptiveltern hängen übrigens im Obergeschoss des Dörphuuses). 

Sie hatten keine eigenen Kinder und machten die Tochter eines Pächters auf der Burg zur Adoptivtochter und damit zu einer Erbin eines nicht unerheblichen Vermögens. Diese hat sich 1758 mit dem Herrn Cramer vermählt, deren Nachkommen nach 266 Jahren noch heute auf der Burg Edenserloog ansässig sind.

Ihre Lebenswurzeln fanden Angehörige der Familie Cramer hier jedoch erst im Jahr 1926. 

Dies hatte u.a. folgenden Hintergrund: Das Erbe der Burg Edenserloog und der dazu zählenden Ländereien war mit einem sog. Fideikommiß, also einem ungeteilten Nutzungsrecht des jeweils ältesten männlichen Nachkommen aus der Familie Cramer, belegt: Man durfte nur soviel aus dem Erbe nehmen, wie man zum Leben brauchte und durfte auch nichts an Grundstücken oder anderen Wertgegenständen verkaufen, um eine nicht gewünschte Erbteilung herbei zu führen. Dieses eingeschränkte Nutzungsrecht wurde häufig bei großen -oft adeligen- Besitztümern angewandt und  endete erst Ende 1918 mit dem Ende des 1. Weltkrieges und des deutschen Kaiserreichs. Die Republik nahm 1919 in Deutschland Einzug und beseitigte in der Weimarer Reichsverfassung auch diese alten adeligen Rechte.

So kam es auch, dass im Jahr 1929 die Werdumer Mühle einen neuen Eigentümer (Familie Post) bekam und es sich für Familienangehörige nun auch lohnte, die Burg selbst nach eigenen Vorstellungen für das Wohnen umzugestalten und modernen Lebensverhältnissen anzupassen. 

Der neue Burgeigentümer Herbert Cramer (1898-1975) hat erst 1925 sein Erbteil (1/12) an der Burg Edenserloog überschrieben bekommen, welches ihm möglich machte, die Burg für sich und seine Frau Lisa geb. Fries (1901-1981) wohnlich zu gestalten. Beide hatten 1925 in Berlin geheiratet, wo sie für den beabsichtigten Umzug in das beschauliche Werdum gut dotierte Arbeitsstellen aufgaben: Lisa als studierte Soziologin war als sog. Sozialfürsorgerin beim Berliner Senat angestellt, Herbert war als studierter Diplom-Landwirt Saatzuchtleiter bei den Berliner Stadtgütern.

Darüber hinaus waren aber für Betrieb und die restlichen Anteile noch Hypotheken abzutragen, für die ein kinderloser Onkel von Lisa, Fabrikbesitzer in Vorarlberg, einstand.

Nichtsdestotrotz wurde am 01.05.1926 Einzug in Werdum gehalten, die Familie lebte hier und zog vier Kinder groß, bis im Jahr 1974 das Burggebäude an Peter Ehlebracht (*1940), einen der Musiker der früheren Unterhaltungs-Band Insterburg & Co rund um den ostfriesischen Entertainer Karl Dall (1941-2020), verkauft wurde. Die Familie errichtete in der unmittelbaren Nähe des alten Gebäudes einen neuen Bungalow, in der heute noch Familienangehörige leben.

1985 wurde das „Burggebäude“ an die Notarfamilie Visser aus Emden verkauft. Nachdem die Mutter Gesine Visser 2011 verstorben ist, bewohnt seit einigen Jahren ihre Tochter das Anwesen.

Rainer Hinrichs

Jahrgang: 16Ausgabe: 172
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