Radtour des Kulturvereins sprach wieder Interessierte an der ostfriesischen Baukultur an

Die Teilnehmer der Fahrradtour (Foto: Johann Pieper)

Seit etwa 20 Jahren finden sie schon statt: die geführten Radtouren mit historischen Informationen, zunächst unter der Regie des Heimat- und Verkehrsvereins als zusätzliches Angebot für Touristen und Einheimische, seit einigen Jahren in Verantwortung des Kulturvereins, der in der Vor- und Nachsaison Interessierte an „Land und Leuten“ mit verschiedenen Themen ansprechen möchte.

Während es zunächst die adeligen Spuren in der Vergangenheit waren, die gelegentlich auf einzelnen Bauernhöfen und Gütern zu finden waren, waren später auch die Kirchen dran, die bei uns an der Küste recht zahlreich vertreten sind.

In diesem Jahr gibt es einen besonderen Anlass: Einmal im Jahr wird von der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB, gegründet 1973 in Kirchseelte/Samtgemeinde Harpstedt bei Bremen, Geschäftsstelle heute in Löhne/Westfalen), einer Vereinigung, die sich gegen die Zerstörung jahrhundertealter Gebäude und gewachsener Strukturen auf dem Land wendet, das sog. Bauernhaus des Jahres ausgerufen.

Nachdem im letzten Jahr das Schwarzwaldhaus Bauernhaus des Jahres war, ist im April in Westeraccum/Gemeinde Dornum dieses Jahr das ostfriesische Gulfhaus bundesweit das Bauernhaus des Jahres.

Da bot es sich an, dass sich der Kulturverein in diesem Jahr auch diesem Thema annahm. Nachdem eine angesetzte Tour Anfang Juni mangels Beteiligung ausgesetzt und umgewidmet werden musste, war die nächste Tour Ende August geplant. Das angekündigte schlechte Wetter ließen diese sowie die eine Woche später angesetzte Tour ausfallen. Jetzt aber war es endlich soweit: Bei schönstem Spätsommer- und  Radfahrwetter und ca. 18 Grad Lufttemperatur konnte die Tour mit ca. 10 Teilnehmern starten. 

Rainer Hinrichs führte die Gruppe zunächst Richtung Westen über die Ortschaft Wallum an die Straße von Esens nach Neuharlingersiel. Auf etwa halbem Weg Richtung Großholum traf die Gruppe auf einen ruhigen, aber gut befestigten Weg Richtung Hartward nach etwa 200 m auf den ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb namens Sandkasten.

Dieser Betrieb ist ursprünglich im späten Mittelalter als Grashaus (Filial-Hof eines größeren Hofes zur Einlagerung von Winterfutter und Unterbringung von Vieh) bzw. Vorwerk des ehem. Klosterhofes Groß Margens (höher gelegener Hof direkt an der Straße von Esens nach Neuharlingersiel). Dieser Hof diente nach der Auflösung der Klosterbesitzungen Mitte des 16. Jahrhunderts aber auch den nach folgenden Besitzern des Hofes als zum großen Hof gehörig. So kam man z.B. nachlesen, dass noch im Jahr 1861 Angehörige der Familie Gerdes, der zu dieser Zeit sowohl Groß Margens, als auch Sandkasten gehörte, auf diesem Hof lebten.

Anhand von Illustrationen konnte Hinrichs auch die Struktur eines solchen Hofes verdeutlichen:

Wohn- und Wirtschaftsteil waren aneinandergebaut, jedoch durch eine sog. Brandmauer getrennt, die verhinderte, dass im Brandfall möglichst nicht beide Teile, sondern eben nur ein Teil verbrannte.

Der Name Gulf bezeichnet dabei ein den Hof tragendes Ständerwerk aus Holz, welches etwa eine Fläche von ca. 10x10m umfasste und ursprünglich zur Bergung von Winterfutter dienen sollte. Je nach Größe des Hofes konnten bis zu 10 Gulfe aneinandergereiht sein, damit Wirtschaftsteile von Höfen mit allein 100 m entstehen. Um dieses Ständerwerk herum wurden dann die zum Hof gehörenden Maschinen und Geräte winterfest gelagert und Plätze zur Unterbringung von Vieh geschaffen. An der Stirnseite/Giebel war dabei häufig der Pferdestall angeordnet, an den Seiten/Traufen die übrigen Tiere wie Rindvieh und Schweine untergebracht.

Besonderheiten gab es auch im Wohnteil: Hier war alles rund um die Herdstelle angeordnet: Küche, Wohnstube (in der Regel um eine halbe Etage erhöht als sog. Upkamer, um darunter noch zumindest einen Kriechkeller z.B. zur Lagerung von Lebensmitteln zu haben), Schlafzimmer mit Schrankbetten (Butzen). Varianten gab es viele; diese hat jeder nach seinen Möglichkeiten ausgestaltet.

Sandkasten hieß der Hof deshalb, weil es im Bereich des Gulf-Ständerwerkes einen überdimensionierten Sandkasten/Aufschüttung von wahrscheinlich Bausand gegeben haben soll.

Heute wird der Hof zur Unterbringung von Angestellten eines Unternehmens in Neuharlingersiel und gelegentlich Ferien-Gästen zur Selbstversorgung genutzt.

Weiter ging es zum Gut Folkertshausen, etwa 2km vom ersten Stopp entfernt.

Diese Hofstelle  weist neben seiner besonderen Erscheinung als hohes Gebäude aus dem Jahr 1864 auch eine besondere Geschichte aus: Entstanden im späten Mittelalter als Wohnsitz eines weichenden Erben (Folkert, daher der Name) der Esenser Häuptlingsfamilie Nordorf waren Nachkommen aus diesem Haus allgemein hoch angesehen, der Garten wurde immer wieder von Zeitgenossen gelobt, jedoch wechselte der Hof im 17. Jahrhundert wegen hoher Verschuldung häufiger den Besitzer, bis Anfang des 18. Jahrhunderts der hohe Esenser Verwaltungsbeamte Wilhelm von Heespen (1669-1742) den Hof erwarb, der dann etwa 50 Jahre später Bestandteil der sog. Wangelinschen Witwenstiftung (benannt nach Wilhelms Tochter  Adelheid von Wangelin, 1706-1758) wurde, die heute noch existiert und ärmliche Witwen unterstützen soll.

Auf dem weiteren Weg Richtung Westen kamen wir in die Ortschaft Marz. Früher gab es hier eine eigene Mühle, heute thronen noch 2 große Gulfhöfe auf der alten Dorfwarft südlich des Weges. Auch interessant ist ein hinter einem hohen und dichten Baumbestand verstreckter Hof auf der Nordseite, dessen Ursprünge ebenfalls bis ins Mittelalter reichen. Er ist aber ein besonderes Beispiel dafür, wie solche Höfe seit dem 17. Jahrhundert auch als Kapitalanlagen für nichtbäuerliche Familien genutzt wurden. An dieser Stelle sei die Familie Bangert genannt, die aus Hessen eingewandert, zunächst sich als Kaufleute oder Apotheker beschäftigten und diesen Hof aus den daraus erzielten Überschüssen bezahlten, um ihn an Pächter weiter zu geben. Dies ging einige Generationen, bis etwa ab Mitte des 19. Jahrhundert die Eigentümerfamilien die Höfe begannen, selbst zu bewirtschaften. Heute dient dieser Hof nur noch als Wohnsitz der Eigentümerfamilie. Die dazu gehörenden Flächen sind anderweitig verpachtet oder aber z.T. verkauft.

Immer weiter ging es Richtung Westen, bis nach ca. 2 km die Ortschaft Hartward erreicht wurde. Auch hier gibt es imposante Gulfhöfe, die aber anlässlich dieser Tour nicht Thema sein sollten. Nun wurde der Weg Richtung Süden nach Esens eingeschlagen und etwa 1 km war in einem Seitenweg die Ortschaft Nordorf und ein Gulfhof mit einer besonderen Geschichte erreicht. Die Hofstelle selbst schien nichts Besonderes auszustrahlen: Es war ein etwa 150 Jahre nicht mehr bewirtschafteter Hof, der nur noch als Wohnhaus mit ausgedehnten Unterbringungsmöglichkeiten in den Scheunen genutzt wurde. Hinrichs erklärte aber, dass im Garten dieses Hofes sich die alte Burganlage der Nordorfer Häuptlinge befand (die wahrscheinlich dem Charakter noch eher einem größeren Bauernhof als einer Burg ähnelte). Reste dürften noch bis ins 18. Jahrhundert bestanden haben; heute befindet sich hier eine Viehweide mit Streuobstbestand.

Was nun folgte, war eine kurvenreiche ca. 5 km umfassende Fahrt über Wege, auf denen nur gelegentlich Fahrzeuge anzutreffen waren. Das Städtchen Esens wurde dabei auf seiner Nordseite gestreift, zwischendurch wurde zudem eine Getränkepause abgehalten. 

Schließlich wurde die Ortschaft Thunum und das Gut Fiekensholt erreicht. Dieses Gut hat ebenfalls eine klösterliche Vergangenheit, die man heute noch bei einem Besuch der Kelleranlagen nachvollziehen kann. Im 16. Jahrhundert wurde es von den Esenser Häuptlingen übernommen, die sie an die Familie Fikensholt aus der Nähe von Westerstede weitergaben (daher auch der Name). Bis Anfang des 18. Jahrhunderts blieb das Gut in Familienbesitz. Nach weiteren Besitzwechseln in die Familie von Glan (u.a. Rittmeister beim Prinzen von Oranien, heute niederländisches Königshaus) und Kettler (aus dem Norder Bereich stammend, ursprünglich Münsterland) wurde das Gut bis Ende des 20. Jahrhunderts landwirtschaftlich genutzt. Danach blieb es einige Jahre ungenutzt, bis die heutigen Eigentümer es vor 10 Jahre grundlegend sanierten und man heute etwa die Ansicht von vor etwa 200 Jahren (u.a. mit Schiebefenstern im Wohnbereich) hat, als das jetzige Wohngebäude errichtet wurde. Am Wochenende wird zudem zeitweise ein Café im Seitenflügel betrieben.

Mit der Rückfahrt nach Werdum endete die ca. 20 km lange kulturhistorische Radtour.

Rainer Hinrichs

 

Jahrgang: 16Ausgabe: 236
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